Hunde-News KW 40: Metamizol und Blutarmut, Gelkappen, neue EU-Bescheinigung, Qualzucht-Streit in Tulln
Eine Münchner Studie zu einem Alltags-Schmerzmittel, Acrylamid-Verdacht bei Migränekappen, Unsauberkeit als Demenzzeichen, der EU-Stichtag 1. Oktober, Wien, Tulln, eine Hoarding-Bilanz und drei Einsätze – geprüft, datiert, belegt
Ein Schmerzmittel, das in deutschen Praxen zum Alltag gehört, steht diese Woche im Mittelpunkt: Die Kleintierklinik der LMU München hat 25 Hunde begleitet, die unter Metamizol eine Blutarmut entwickelten. Dazu Gelkappen gegen Migräne, die für Hunde tödlich sein können, und eine Studie, nach der ein alter Hund, der wieder in die Wohnung macht, nicht unbedingt eine Blasenentzündung hat.
Aus Recht und Verwaltung: Seit dem 1. Oktober gilt für Hunde aus Drittländern nur noch das neue EU-Muster der Veterinärbescheinigung. Wien erlebt mit seinem Tierheim-Aufruf einen Ansturm und eine Debatte über „unvermittelbare“ Hunde, in Tulln liefen am Wochenende rund 6.000 Hunde über die Bundessieger-Schau, und eine Tierschutzkampagne hat nach der Salzburger Schau Anzeigen wegen Qualzucht eingebracht und die Behörde in Tulln eingeschaltet. Dazu eine Hoarding-Bilanz aus Hessen und drei Einsätze. Jede Meldung trägt ihr Datum, jede Studie ihre DOI. Diese Ausgabe erscheint einen Tag später als geplant. Alle Ausgaben liegen im News-Archiv.
Forschung
Metamizol kann bei kranken Hunden mit einer Schädigung der roten Blutkörperchen einhergehen
Metamizol, auch Novaminsulfon genannt, ist ein Schmerzmittel, das Tierärzte auch bei Hunden einsetzen. Cathrina Richter und ihr Team an der Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München haben 25 Hunde begleitet, bei denen unter Metamizol eine Heinz-Körper-Anämie auftrat. Das ist eine Blutarmut, bei der oxidativer Stress die roten Blutkörperchen schädigt. Andere bekannte Auslöser schlossen die Autoren aus.
Die Anämie zeigte sich im Median zehn Tage nach Beginn der Behandlung, bei einer kumulativen Dosis von im Median 720 Milligramm pro Kilogramm. Nach dem Absetzen und mit antioxidativer Therapie sank der Anteil geschädigter Zellen innerhalb von zwei bis drei Wochen im Median von 26,5 auf 1,3 Prozent, der Hämatokrit stieg im Median von 24 auf 33 Prozent. Vier Hunde brauchten eine Bluttransfusion. 21 Hunde überlebten, vier starben oder wurden eingeschläfert. Alle 25 hatten mindestens eine weitere Erkrankung. Die Autoren sprechen von einem Zusammenhang, nicht von einem Beweis, und raten, Metamizol bei mehrfach erkrankten Hunden sorgfältig abzuwägen und das Blutbild regelmäßig zu kontrollieren. Die Studie hat keine Vergleichsgruppe und sagt nichts darüber, wie oft das bei gesunden Hunden passiert.
Kühlkappen gegen Migräne: Verdacht auf Acrylamid-Vergiftung durch zerbissenes Gel
Manche kühlenden Migränekappen, Augenmasken und Wickel enthalten ein Hydrogel auf Basis von Polyacrylamid. Colette Wegenast vom Giftnotruf der US-Tierschutzorganisation ASPCA und ihr Team haben ausgewertet, was passiert, wenn Hunde so ein Produkt zerbeißen. Zwischen Januar 2024 und Juni 2026 fanden sie 45 Hunde, bei denen die Vergiftung mit hoher oder mittlerer Wahrscheinlichkeit vom Gel stammte.
Die Hunde erbrachen, hatten Herzrasen, Krampfanfälle, Zittern und Gangstörungen. Viele wurden ängstlich, unruhig oder aggressiv, ein Hund wirkte, als habe er Halluzinationen. Behandelt wurde nur unterstützend, mit Mitteln gegen Krämpfe, Infusionen und Elektrolyten. Von den 21 Hunden, deren Ausgang bekannt ist, starben 14 oder wurden eingeschläfert. In Proben der Produkte maß das Team 12.900 bis 51.800 ppm Acrylamid-Monomer, ein Nervengift, weit mehr als an Rückständen zu erwarten wäre. Die Befunde passen nach Einschätzung der Autoren zu einer akuten Acrylamid-Vergiftung, nachgewiesen ist sie im einzelnen Hund nicht. Die Fälle stammen aus den USA, und nur bei knapp der Hälfte ist der Ausgang bekannt.
Der alte Hund macht wieder in die Wohnung: nicht immer steckt die Blase dahinter, manchmal der Kopf
Bei älteren Menschen verstärken sich Demenz und Blasenprobleme gegenseitig. Ob das bei Hunden auch so ist, hat ein Team der North Carolina State University um Shaghayegh Rafatpanah Baigi an 84 Hunden aus einer Langzeitstudie zum Altern untersucht. Die Hunde waren beim Einstieg im Schnitt 12,8 Jahre alt. Zweimal im Jahr gaben sie eine Urinprobe ab, die Halter füllten einen Demenz-Fragebogen aus, und die Hunde lösten Aufgaben zu Impulskontrolle und Umwegen.
Unter 231 Urinproben fanden sich Entzündungszeichen nur selten: weiße Blutkörperchen in 19, Blut in 14, Bakterien in 11 Proben. Eiweiß fand sich dagegen in 194 Proben. Die Unsauberkeit nahm mit dem Alter zu und hing mit dünnerem Urin zusammen, was auch auf die Nieren deuten kann. Hunde, die öfter in die Wohnung machten, schnitten außerdem deutlich schlechter bei den Denkaufgaben ab. Die Autoren schließen daraus, dass Unsauberkeit bei alten Hunden nicht nur auf eine Erkrankung der Harnwege oder der Organe hindeuten muss, sondern auch ein Zeichen für kognitiven Abbau sein kann. Ursache und Wirkung kann eine Beobachtungsstudie dieser Art nicht trennen.
Recht und Verwaltung
Seit 1. Oktober nur noch das neue Muster: die Veterinärbescheinigung für Hunde aus Drittländern
Seit dem 22. April 2026 gelten für private Reisen mit Hunden, Katzen und Frettchen neue EU-Regeln, die Delegierte Verordnung (EU) 2026/131 und die Durchführungsverordnung (EU) 2026/705. Die zweite enthält die Muster für Ausweis und Bescheinigung und einen Stichtag: Seit dem 1. Oktober dürfen Bescheinigungen nur noch nach dem neuen Muster ausgestellt werden. Eine Veterinärbescheinigung nach dem alten Muster für die Einreise aus einem Drittland gilt nur noch, wenn sie vor dem 1. Oktober 2026 ausgestellt wurde, und dann bis zum 31. März 2027. Jede Bescheinigung, die seit dem 1. Oktober ausgestellt wird, muss dem neuen Muster entsprechen. Das österreichische Bundesamt für Verbrauchergesundheit schreibt dazu, die alten Muster dürften ab diesem Tag nicht mehr ausgestellt werden.
Bestehende EU-Heimtierausweise bleiben gültig; nach dem alten Muster dürfen sie noch bis Ende 2027 ausgestellt werden. Für Hunde, die mit Heimtierausweis aus dem Ausland zurückkommen, gelten laut dem österreichischen Bundesamt erleichterte Bedingungen. Das Schweizer Bundesamt BLV führt dieselben beiden EU-Verordnungen als Rechtsgrundlage für Reisen mit Heimtieren auf.
Quellen: Durchführungsverordnung (EU) 2026/705, Art. 6 „Übergangsmaßnahmen“ · BAVG Österreich, Reiseverkehr mit Heimtieren, abgerufen 3. Oktober 2026 · BLV Schweiz, Reisen mit Hunden, Katzen und Frettchen, abgerufen 3. Oktober 2026
900 Bewerbungen für Hunde auf Zeit, und ein Streit um die Hunde, die keiner nimmt
In der letzten Ausgabe stand der Aufruf des TierQuarTiers Wien, für die Bauzeit nach einem Wasserschaden Hunde vier bis sechs Wochen bei sich aufzunehmen. Die Antwort war größer als gedacht. Sprecherin Anna Hofstätter sagte dem ORF: „Innerhalb kürzester Zeit haben sich bereits über 900 Interessentinnen und Interessenten bei uns gemeldet und den Fragebogen auf unserer Website ausgefüllt.“ Das Tierheim hat vorerst einen Anfragestopp eingelegt. Zwei Personen sichten die Fragebögen, danach folgen Gespräche und Kennenlernen, erste Zusagen für Pflegeplätze erhofft sich das Haus in den kommenden zwei Wochen.
Am selben Tag hat Tierschutz Austria (Wiener Tierschutzverein) vor dem Welttierschutztag am 4. Oktober vor einer Tötung schwer vermittelbarer Tierheimhunde gewarnt. Anlass ist ein Endbericht, den die Stadt Wien in Auftrag gegeben hat. Er beschreibt Kriterien für Hunde, die trotz Training seit mindestens einem Jahr im Heim leben und keine Aussicht auf Vermittlung haben. Nach Darstellung des Österreichischen Hundehalterverbands hat ihn ein Team des Messerli-Forschungsinstituts erarbeitet; im Jänner 2026 lebten demnach 42 von 96 Hunden im TierQuarTier länger als ein Jahr dort. Präsidentin Madeleine Petrovic: „Platzmangel und fehlende Vermittlung sowie Schwierigkeiten beim Training sind kein Tötungsgrund.“ Der Verein fordert unter anderem eine bundesweite Erhebung der Tierheimplätze. Eine Stellungnahme der Stadt dazu haben wir bis zum 3. Oktober nicht gefunden, den Bericht selbst auch nicht.
Quellen: wien.ORF.at, 1. Oktober 2026 · Tierschutz Austria via APA-OTS, 1. Oktober 2026 · Österreichischer Hundehalterverband, 31. August 2026
6.000 Hunde in Tulln, und ein Streit um das Ausstellen von Qualzucht
Von Freitag bis Sonntag richtete der Österreichische Kynologenverband die Bundessieger-Ausstellung in Tulln aus. Laut ORF waren knapp 6.000 Hunde aus mehr als 250 Rassen gemeldet, 2027 ist Tulln Austragungsort der World Dog Show. Das Kampagnenbüro Shifting Values hat nach der Ausstellung in Salzburg Ende August Anzeigen eingebracht, wegen Mexikanischer Nackthunde, Französischer Bulldoggen, Möpse und Griffons, gegen Aussteller, Veranstalter und Richter. Zur Tullner Schau, auf der auch der American Hairless Terrier zugelassen ist, ging eine Sachverhaltsdarstellung an die Bezirkshauptmannschaft. Clemens Purtscher von Shifting Values: „Wir erwarten, dass die Tullner Behörde noch vor der Ausstellung aktiv wird und klarstellt, dass die genannten Rassen nicht ausgestellt werden dürfen.“
Rechtlich ist die Lage in Österreich klar formuliert: § 8b Abs. 1 des Tierschutzgesetzes verbietet, Tiere mit Qualzuchtsymptomen oder äußerlich erkennbaren Qualzuchtmerkmalen auszustellen oder zu präsentieren. Strittig ist, welche Rassen darunter fallen. Im ORF-Bericht zur Schau sagte ÖKV-Präsident Philipp Ita, ohne auf die Anzeigen einzugehen, so eine Veranstaltung diene „auch der gesunden Rassehundezucht, weil wir alle wollen, dass nur gesunde, wohlgenährte und wesensfeste Hunde in die Zucht kommen“. Die Anzeigen sind Vorwürfe, keine Entscheidungen; eine Reaktion der Bezirkshauptmannschaft haben wir bis zum 3. Oktober nicht gefunden.
Quellen: noe.ORF.at, 3. Oktober 2026 · Shifting Values via APA-OTS, 29. September 2026 · Tierschutzgesetz Österreich, § 8b, RIS
43 Hunde in Boxen kleiner als ein Tisch: ein Landkreis zieht Bilanz zum Animal Hoarding
Sechs Fälle von Tierhortung hat das Veterinäramt des Landkreises Darmstadt-Dieburg allein 2026 gezählt, mit zusammen 111 geretteten Tieren bis Anfang September. Im größten Fall lebten 43 Hunde zum Teil in gefliesten Boxen, nicht einmal so groß wie ein Tisch. „Und die waren stark verunreinigt“, sagt Amtstierärztin Frauke Groth. Die Polizei half beim Abtransport, die Hunde kamen in verschiedene Tierheime. Von 2023 bis 2025 holte das Amt 424 Tiere aus solchen Haltungen. Groth über die Fälle insgesamt: „Teilweise waren Wohnungen vermüllt, die Tiere verkrochen sich im Unrat.“ Zwei der sechs Fälle kamen ans Licht, weil der Schornsteinfeger das Amt informierte.
Allein der Fall der 43 Hunde kostete den Kreis einen mittleren fünfstelligen Betrag; den will er im Strafverfahren wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz beim Besitzer eintreiben. Mehr als 300 Tierschutzanzeigen sind 2026 bereits eingegangen. Kreistierschutzbeauftragte Christa Wilczek stellt klar, dass es nicht um die Zahl geht: „Man kann acht Hunde haben und Hoarder sein und man kann acht Hunde haben und nur Tierhalter sein.“
Quelle: Landkreis Darmstadt-Dieburg, Pressemitteilung 28. September 2026
Ein mutmaßlicher Giftköder, ein Dackel im Schuppen, ein Hund im brennenden Haus
Kasseedorf in Ostholstein, Freitagabend, 25. September: Laut Polizei soll ein Hund in der Straße Zum Vossberg auf Höhe einer Sitzbank einen Köder gefressen haben, ein Stück Wurst mit bläulichen Anhaftungen. Beim Tierarzt sei ihm der Magen ausgepumpt worden, dabei sei ein solches Wurststück zum Vorschein gekommen, der Hund habe überlebt. Ein Giftnachweis wird in der Meldung nicht genannt. Zwei Tage später findet ein anderer Halter in derselben Straße einen weiteren Köder. Die Polizei in Scharbeutz ermittelt wegen einer Straftat nach dem Tierschutzgesetz und bittet um Hinweise unter 04524 70770.
Lübeck-St. Lorenz, Freitagmorgen, 25. September: Nach einem Hinweis auf Jaulen findet die Polizei einen Dackel im Schuppen einer Kleingartenparzelle, ohne Wasser und ohne Futter. Der Hund kommt in ein Tiertaxi, gegen einen 49-Jährigen wird nach dem Tierschutzgesetz ermittelt. Und Vermes im Kanton Jura, Dienstag, 29. September, am Vormittag: Ein Einfamilienhaus brennt, eine Mutter und zwei Kinder kommen zur Kontrolle ins Spital Delémont. Laut Regionalradio RFJ, das sich auf die Kantonspolizei beruft, konnte während des Einsatzes auch ein Hund gerettet werden.
Quellen: Polizeidirektion Lübeck via Presseportal, 29. September 2026 · Polizeidirektion Lübeck via Presseportal, 28. September 2026 · RFJ, 29. September 2026
Was von dieser Woche bleibt
Zwei der drei Studien handeln von Dingen, die zu Hause herumliegen oder routinemäßig verschrieben werden: eine Kühlkappe gegen Migräne und ein Schmerzmittel, das viele Hunde schon bekommen haben. Beide Studien sind klein und ohne Vergleichsgruppe, sie zeigen keine Häufigkeit, sondern ein Risiko, das man kennen sollte.
Die eine Sache zum Mitnehmen steckt in Meldung 3: Wenn dein alter Hund wieder in die Wohnung macht, ist das nicht immer eine Blasenentzündung. Es kann auch ein Zeichen dafür sein, dass sein Kopf nachlässt, und dann braucht er Geduld statt Ärger.
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Stand: 5. Oktober 2026, Ausgabe für Kalenderwoche 40, Recherche bis 3. Oktober.
Häufige Fragen
Ist Metamizol für Hunde gefährlich?
Welche Veterinärbescheinigung brauche ich seit dem 1. Oktober 2026?
Mein alter Hund macht wieder in die Wohnung. Was steckt dahinter?
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