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Die Flegelphase beim Hund: was mit acht Monaten wirklich passiert

Der Einbruch trifft die eigene Bezugsperson, nicht Fremde – und die Ausbilder derselben Hunde sahen zur selben Zeit das Gegenteil

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Teil des Themas Verhalten & Training

Mit acht Monaten hörten die Hunde schlechter auf „Sitz" — aber nur bei ihrer eigenen Bezugsperson. Bei einer fremden Person, die denselben Test durchführte, klappte es zum selben Zeitpunkt sogar besser als drei Monate zuvor.

Und die Trainer sahen das Gegenteil von dem, was die Halter sahen. Während die Bezugspersonen ihren Hunden mit acht Monaten weniger Gelehrigkeit bescheinigten, stieg dieselbe Bewertung bei den Ausbildern derselben Hunde an.

„Er hört plötzlich nicht mehr" gehört zu den häufigsten Sätzen über Hunde zwischen einem halben und anderthalb Jahren — und lange gab es dazu keine Daten, sondern nur Erfahrungswerte. 2020 hat eine britische Arbeitsgruppe das erste Mal belegt, dass es die Phase wirklich gibt. Der interessante Teil ist, worauf sie sich bezieht.

1. Der Befund: es betrifft dich, nicht Fremde

Die Arbeitsgruppe um Lucy Asher hat angehende Blindenführhunde begleitet, die bei Patenfamilien aufwuchsen. Getestet wurde zweimal: mit fünf Monaten, also vor der Adoleszenz, und mit acht Monaten, mitten darin. Als Maß diente die Reaktion auf ein längst gelerntes Signal — „Sitz".

Das Signal gaben zwei Personen: die eigene Bezugsperson und eine fremde. Beide Male dieselben Personen. Genau dieser Aufbau macht das Ergebnis so aussagekräftig.

Mit acht Monaten war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hund wiederholt nicht auf „Sitz" reagierte, bei der eigenen Bezugsperson 2,14-mal so hoch wie mit fünf Monaten. Bei der fremden Person lief es in dieselbe Zeit umgekehrt: Dort verbesserte sich die Reaktion.

Anders gesagt: Der Hund hatte das Signal nicht vergessen, und er war auch nicht allgemein weniger ansprechbar. Die Reibung richtete sich gegen die eigene Bezugsperson. Die Autorinnen und Autoren beschreiben das als vorübergehende Konfliktphase gegenüber dem Menschen, der den Hund aufzieht — parallel zu dem, was aus der Forschung zur menschlichen Pubertät bekannt ist.

2. Die Zahlen im Einzelnen

Neben dem Test im Freien wurden Fragebögen ausgefüllt — von den Patenfamilien und, unabhängig davon, von den Ausbildern derselben Hunde. Das Ergebnis ist die vielleicht nützlichste Beobachtung des ganzen Papiers.

Wer bewerteteGelehrigkeit mit 5 → 8 MonatenMit 12 Monaten
Die Bezugsperson zu Hausedeutlich gesunkenhöher als mit 5 Monaten
Die Ausbilder derselben Hundegestiegen

Dieselben Hunde, derselbe Zeitraum, gegenläufige Bewertung. Für dich als Halter heißt das zweierlei. Erstens: Wenn dein Hundetrainer sagt, „bei mir macht er das tadellos", muss keiner von euch beiden lügen. Zweitens: Der Einbruch ist keine Entwicklungsstörung, sondern eine Beziehungsphase — und mit zwölf Monaten lag die Bewertung der Bezugspersonen über dem Stand von fünf Monaten.

Umfang der Untersuchung: 82 Hunde im Test mit fünf Monaten, 80 mit acht Monaten, davon 69 zu beiden Zeitpunkten. Für eine Verhaltensstudie ist das eine ordentliche Größe — für eine allgemeingültige Aussage über alle Hunde ist es eine sehr besondere Gruppe. Dazu unten mehr.

3. Der zweite Befund: Bindung und Zeitpunkt der Pubertät

Die zweite Hälfte der Arbeit betrifft die Hündinnen. Ausgewertet wurde, wann sie zum ersten Mal läufig wurden — gemessen nicht in Monaten, sondern im Vergleich zum Durchschnitt ihrer Rasse.

Hündinnen, deren Patenfamilie mit fünf Monaten mehr anklammerndes und aufmerksamkeitsforderndes Verhalten beschrieb, wurden früher zum ersten Mal läufig. Der Zusammenhang war deutlich und statistisch belastbar. Für Trennungsstress galt dasselbe, aber nur, solange Fütterung und Verwandtschaft herausgerechnet wurden. Allgemeine Ängstlichkeit hing nicht mit dem Zeitpunkt der Pubertät zusammen — es ging also nicht einfach um nervöse Hunde.

Das ist eine Korrelation, keine bewiesene Ursache. Die Autorinnen und Autoren formulieren entsprechend vorsichtig: Es weise auf die Möglichkeit hin, dass die Beziehung zum Menschen die Fortpflanzungsentwicklung beeinflusst. Bemerkenswert ist es trotzdem, weil dasselbe Muster aus der Forschung am Menschen bekannt ist.

4. Was die Studie nicht sagt

Drei Einschränkungen gehören dazu, und sie stehen im Papier selbst.

  • Es waren angehende Blindenführhunde. Sie lebten von etwa zwei bis drei Monaten bis zwölf bis vierzehn Monate bei Patenfamilien, mit standardisierter Aufzucht und einheitlichem Training. Ein Hund aus dem Tierschutz oder vom Züchter mit ganz anderem Alltag ist damit nicht abgebildet.
  • Es ging um Gelehrigkeit und Läufigkeit, nicht um alles. Aus der Arbeit lässt sich nichts über Jagdverhalten, Leinenaggression oder Angst in dieser Phase ableiten.
  • Korrelation ist keine Ursache. Das gilt besonders für den Zusammenhang zwischen Bindungsverhalten und Pubertätsbeginn.

Was die Arbeit dagegen sehr wohl leistet: Sie ist nach eigener Angabe der erste empirische Beleg dafür, dass es eine Adoleszenzphase im Verhalten des Hundes überhaupt gibt. Vorher war das Erfahrungswissen ohne Messung.

5. Was in dieser Phase hilft

Die Autorinnen und Autoren nennen die Adoleszenz eine verletzliche Zeit für die Beziehung zwischen Hund und Mensch. Genau da entscheidet sich, ob aus einer Phase ein Dauerzustand wird.

  1. Damit rechnen, dass es dich trifft und nicht die Welt. Der Einbruch zeigte sich gegenüber der Bezugsperson, nicht gegenüber Fremden. Wer das weiß, nimmt es weniger persönlich — und das ist keine Kleinigkeit, sondern der Unterschied zwischen Geduld und Eskalation.
  2. Nicht härter werden. In einer Untersuchung mit einem Urteilstest waren Hunde, deren Halter zwei oder mehr aversive Trainingsmethoden einsetzten, bei mehrdeutigen Aufgaben langsamer — was auf eine gedrücktere Grundstimmung hindeutet. Ausgerechnet in der Phase, in der die Beziehung belastet ist, ist Härte also das schlechteste verfügbare Werkzeug.
  3. Das Gelernte nicht fallen lassen. Der Hund hat „Sitz" nicht vergessen — er antwortet nur seltener. Weiterüben, in kurzen Einheiten, mit einer Erfolgsquote, die stimmt.
  4. Die Zwölf-Monats-Marke im Kopf behalten. In der Studie lag die Bewertung mit zwölf Monaten über dem Stand von fünf. Die Phase ging vorbei.

Was nicht in diese Phase gehört

Wenn ein Hund in dieser Zeit knurrt, schnappt oder in Panik gerät, ist das kein „Flegelalter", sondern ein eigenes Thema. Dafür gibt es Verhaltenstierärztinnen und -tierärzte und gute Hundeschulen — Adressen findest du unter Hundeschulen und Hundepsychologen.

6. Kastrieren, weil Pubertät?

Der Gedanke liegt nahe und wird oft ausgesprochen: Wenn die Hormone das Problem sind, nimmt man sie eben weg. Für das Verhalten von Hündinnen gibt es dazu eine Untersuchung, die genau den Zeitpunkt zur Pubertät ins Verhältnis setzt statt nur das Alter.

306 Labrador- und Golden-Retriever-Mischlingshündinnen aus einem Assistenzhundeprogramm wurden vor (155) oder nach (151) der Pubertät kastriert. Bewertet wurden mit einem und mit drei Jahren sechs Verhaltensbereiche: Gehorsam, Aggression, Angst, Erregbarkeit, Anhänglichkeit und Sozialverhalten.

Ergebnis: Kein Unterschied in den Mittelwerten — weder mit einem noch mit drei Jahren, in keinem der sechs Bereiche. Nur bei der Veränderung zwischen dem ersten und dritten Jahr zeigte sich ein schwacher Hinweis bei der Aggression, und der betraf so wenige Tiere mit so geringen Werten, dass die Autorinnen und Autoren ihn selbst als fraglich einordnen.

Die Schlussfolgerung der Arbeit: Für diese Hündinnen hatte die Kastration vor oder nach der Pubertät wenig bis gar keine Auswirkung auf das spätere Verhalten — und Entscheidungen über den Zeitpunkt sollten deshalb nicht allein am Verhalten festgemacht werden, sondern auch an Gesundheit und Wohlbefinden. Was dazu an Beleglage vorliegt, steht ausführlich in unserem Beitrag Hund kastrieren: Vor- und Nachteile nach Studienlage.

Fazit

Die Flegelphase gibt es, und sie ist gemessen. Mit acht Monaten war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hund wiederholt nicht auf „Sitz" reagiert, bei der eigenen Bezugsperson 2,14-mal so hoch wie mit fünf.

Sie richtet sich gegen dich. Bei einer fremden Person verbesserte sich die Reaktion im selben Zeitraum, und die Ausbilder derselben Hunde bescheinigten ihnen sogar mehr Gelehrigkeit.

Sie geht vorbei. Mit zwölf Monaten lag die Bewertung der Bezugspersonen über dem Stand von fünf Monaten.

Härte ist der falsche Ausweg. Hunde, deren Halter mehrere aversive Methoden einsetzten, zeigten Hinweise auf eine gedrücktere Grundstimmung — und die Kastration löst das Verhaltensproblem nicht: Ob vor oder nach der Pubertät kastriert wurde, machte in einer Untersuchung an 306 Hündinnen für sechs Verhaltensbereiche keinen Unterschied.

Wichtig: Die beschriebenen Untersuchungen wurden an angehenden Assistenz- und Blindenführhunden durchgeführt — überwiegend Labrador- und Golden-Retriever-Linien mit standardisierter Aufzucht. Auf einen einzelnen Hund mit anderer Herkunft lassen sich die Zahlen nur eingeschränkt übertragen. Bei Aggression, Angst oder plötzlicher Verhaltensänderung gehört ein Hund fachlich untersucht, nicht in eine Phasenerklärung.
Quellen: Asher, England, Sommerville, Harvey (2020): Teenage dogs? Evidence for adolescent-phase conflict behaviour and an association between attachment to humans and pubertal timing in the domestic dog, Biol Lett 16:20200097 · Moxon, Freeman, Payne, Corr, England (2022): A prospective cohort study investigating the behavioural development of bitches in a guide dog training programme neutered prepubertally or post-pubertally, Front Vet Sci 9:902775 · Casey, Naj-Oleari, Campbell, Mendl, Blackwell (2021): Dogs are more pessimistic if their owners use two or more aversive training methods, Sci Rep 11:19023. Recherchiert über PubMed, Volltext über Europe PMC, alle DOI gegen Crossref geprüft. Stand: September 2026.

Häufige Fragen

Gibt es die Flegelphase beim Hund wirklich?
Ja, sie ist seit 2020 belegt. Eine britische Arbeitsgruppe testete angehende Blindenführhunde mit fünf und mit acht Monaten auf die Reaktion auf ein längst gelerntes „Sitz“. Mit acht Monaten war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hund wiederholt nicht reagierte, bei der eigenen Bezugsperson 2,14-mal so hoch wie mit fünf Monaten. Die Arbeit gilt als erster empirischer Beleg für eine Adoleszenzphase im Verhalten des Hundes.
Warum hört mein Hund plötzlich nicht mehr auf mich, aber auf andere?
Genau das wurde gemessen. In derselben Untersuchung gaben zwei Personen das Signal: die eigene Bezugsperson und eine fremde, beide Male dieselben. Während die Reaktion bei der Bezugsperson einbrach, verbesserte sie sich bei der fremden Person im selben Zeitraum. Der Hund hat das Signal also nicht vergessen und ist auch nicht allgemein weniger ansprechbar – die Reibung richtet sich gegen die Bezugsperson. Passend dazu bewerteten die Ausbilder derselben Hunde die Gelehrigkeit mit acht Monaten sogar höher als vorher.
Wie lange dauert die Flegelphase?
In der Untersuchung war sie vorübergehend. Die Bezugspersonen bewerteten die Gelehrigkeit mit acht Monaten niedriger als mit fünf – mit zwölf Monaten lag die Bewertung dann über dem Stand von fünf Monaten. Für einen einzelnen Hund lässt sich daraus kein Datum ableiten, wohl aber die Erwartung, dass die Phase vorbeigeht.
Muss ich in der Pubertät strenger werden?
Die Datenlage spricht dagegen. In einer Untersuchung mit einem Urteilstest waren Hunde, deren Halter zwei oder mehr aversive Trainingsmethoden einsetzten, bei mehrdeutigen Aufgaben langsamer – ein Hinweis auf eine gedrücktere Grundstimmung. Da die Adoleszenz ohnehin eine verletzliche Zeit für die Beziehung ist, ist Härte dort das schlechteste verfügbare Werkzeug. Sinnvoller ist, das Gelernte in kurzen Einheiten weiterzuüben.
Hilft eine Kastration gegen die Pubertätsprobleme?
Für das Verhalten von Hündinnen gibt es dazu eine klare Antwort. 306 Labrador- und Golden-Retriever-Mischlingshündinnen wurden vor oder nach der Pubertät kastriert und mit einem und drei Jahren in sechs Verhaltensbereichen bewertet: Es gab keinen Unterschied in den Mittelwerten. Die Autorinnen und Autoren empfehlen deshalb ausdrücklich, den Zeitpunkt nicht allein am Verhalten festzumachen, sondern an Gesundheit und Wohlbefinden.
Beeinflusst die Bindung, wann eine Hündin läufig wird?
Die Untersuchung fand einen solchen Zusammenhang. Hündinnen, deren Betreuungsfamilien mit fünf Monaten mehr anklammerndes und aufmerksamkeitsforderndes Verhalten beschrieben, wurden im Vergleich zum Durchschnitt ihrer Rasse früher zum ersten Mal läufig. Allgemeine Ängstlichkeit hing dagegen nicht mit dem Zeitpunkt zusammen. Das ist eine Korrelation und kein Beweis für eine Ursache – die Autorinnen und Autoren formulieren entsprechend vorsichtig.

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